Weniger ist mehr

Gedanken um mit Pferden besser zurechtzukommen

von Mark Rashid

Übersetzung des Artikels für Western News 1/2003 von Ingrid Stiel

Bericht einer Kursteilnehmerin, über einen Kurs, den Mark Rashid in North Carolina abgehalten hat. Wir wollten Euch diesen Artikel aus einer amerikanischen Zeitschrift nicht vorenthalten, weil er Mark Rashids Philosophie vom Umgang mit Pferden so klar und deutlich zum Ausdruck bringt.

“Du musst in den Augen deines Pferdes ein Alpha Pferd sein!”
“Zeig ihm, wer der Boss ist!”
“Bleib dran, sieh zu, dass es gehorcht!”
“Es hat dich um jeden Preis zu respektieren!”

Diese Aussagen hört man in der Pferdewelt ziemlich oft, aber du wirst sie sicherlich nicht von Mark Rashid zu hören bekommen. Dieser Horseman aus Colorado vertritt eine Philosophie, die Partnerschaft statt Dominanz, Anleitung statt Unterdrückung, Unterstützung und Hilfe statt Korrektur, Vertrauen statt Angst bevorzugt.
Marks Kurs in North Carolina bestand aus 7 Einzelstunden, die auf Grund der vielfältigen Bedürfnisse der Teilnehmer einen guten Überblick über seine Einstellung zu Pferden boten. Allgemeine Themen zogen sich gleichermaßen durch alle Einheiten.

Pferde sind nicht ungehorsam, sie halten sich an das, was wir ihnen unbeabsichtigt beigebracht haben

Verhaltensweisen, die wir möglicherweise als respektlos bezeichnen, sind dies meist gar nicht. Mark sagt “wenn du deinem Pferd die ganze Zeit über vermittelt hast, dass in Ordnung ist, was es tut, handelt es sich nicht um mangelnden Respekt”. Bei der Bodenarbeit mit einem Pferd forderte Mark uns zum Beispiel auf, darauf zu achten, was das Pferd nach dem er es anhalten ließ, mit einem Vorderbein tat? Hielt das zweite Bein hinter dem ersten an? Blieb es auf gleicher Höhe? 30cm weiter vorne, 60cm weiter vorne?
Bei kleinen Gelegenheiten wie dieser fragt uns das Pferd: “Ist es OK, wenn ich dir auf den Pelz rücke?”. Sind wir mit anderen Sachen beschäftigt, plaudern mit Freunden oder bewundern gerade die Landschaft, sagen wir dem Pferd möglicherweise gerade: “Sicher, das ist OK. Es ist mir egal, wenn du mir 30cm mehr auf die Pelle rückst.”. Nächstes Mal rückt es 2x30cm, und dann 3x30cm weiter.
“Und bald hast du ein Pferd, das in deinen Ellbogen läuft oder an dir vorbei und nur deshalb, weil du es ihm erlaubt hast.” Es scheint, als wäre das Pferd unfolgsam. Tatsache ist jedoch, dass es sich nur daran hält, was wir ihm unabsichtlich beigebracht haben.
Nun, das ist wohl für niemanden etwas neues. Wir alle kennen den Spruch: “Jede Sekunde, die du mit deinem Pferd verbringst trainierst du es, zum besseren oder zum schlechteren”. Aber es kann dennoch sehr aufschlussreich sein, wirklich genau zu beobachten, wie unwahrscheinlich subtil dieses unbeabsichtigte Training sein kann.

Mehr Bewußtsein als Aktion

Thema 2 ist die natürliche, logische Folge des vorangegangenen Themas. Durch mehr Aufmerksamkeit beginnendem unerwünschten Verhalten gegenüber, bist du zu weniger Korrekturen gezwungen, um erwünschtes Verhalten zu bekommen. Daher fordert Mark uns auf, die ganz kleinen Nuancen zu beachten, die wir sonst möglicherweise übersehen hätten; den Moment zu fühlen, wann das Pferd bereit ist, die richtige Reaktion zu setzen, nicht erst dann, wenn sie bereits da ist oder einen Moment danach. Du achtest darauf beim kleinsten ersten Anzeichen der Mitarbeit Druck wegzunehmen und nicht erst, wenn die Aufgabe vollständig ausgeführt wurde.
Diese Tatsache war auch die Ursache dafür, dass es mit meinem selbstgezogenen Wallach so schlecht lief. Er war in der Bewegung einfach nicht so im Einklang mit mir, wie ich es mir gewünscht hätte. Intuitiv wußte ich, wie die leichteste Hilfe zu geben war und sofort loszulassen, wenn er reagierte. Verstandesmäßig hätte ich gesagt, dass es genau das war, was ich machte. Aber als ich noch aufmerksamer darauf achtete, musste ich zugeben, dass ich mit dem loslassen 1-2 Sekunden zu spät dran war und manchmal meine Schenkelhilfen gegeben hatte ohne im Rhythmus mit der Bewegung meines Pferdes zu sein.
Die “Weniger ist mehr”-Philosophie in Verbindung mit mikroskopisch genauer Aufmerksamkeit auf das richtige Timing funktionierte wie Zauberei. Innerhalb von 20 Minuten ging Chance mit raumgreifendem, freiem Schritt dahin, und nicht die geringste Ermahnung war notwendig. Diese winzig kleine Veränderung in der Art wie ich ritt bewirkte eine dermaßen großartige Veränderung in der Art und Weise, wie er ging.
Hätte mir irgendjemand vor diesem Kurs so einen Fall geschildert, hätte ich gedacht “Na, toll, auch schon eine großartige Sache, eben gutes Timing und effektive Hilfen”. An diesem Tag, erhielt ich eine neue Vorstellung davon, was mit “richtigem Timing” und “sinnvollen Hilfen” gemeint ist.

Tu weniger um mehr zu bekommen

“Ich möchte, dass das Pferd auf mich achtet und nicht auf meine Ausrüstung” sagt Mark, “daher kann ich meine gesamte Ausrüstung, die ich zum Pferdetraining brauche in dieser Tasche verstauen” und zeigt dabei auf eine Leinentasche, die kaum groß genug ist um sie für den Besuch im Fitness-Studio zu verwenden. Alles was er aus dieser Tasche herausnahm war ein Schnurhalfter und eine Seil-Longe.
Wie können wir effektiv sein, ohne Ausrüstung zu verwenden, die uns größer und weitreichender macht, um unsere menschliche Unzulänglichkeiten zu überwinden? Indem wir einfach unerwünschte Verhaltensweisen erkennen, wenn sie noch ganz unscheinbar sind, und dem Pferd dabei helfen und es dabei unterstützen, diese gar nicht erst weiterzuentwickeln. Dieses Benehmen nicht eskalieren zu lassen, bis nur noch Tricks und verschiedene Ausrüstungen der Ausweg aus diesem Dilemma zu sein scheinen.
Wie können wir mehr erreichen, wenn wir weniger tun? Durch mehr Loslassen und besseres Timing. Mark machte zum Beispiel darauf aufmerksam, dass einer der Reiter, der gerade einen weichen direkten Zügel einsetzte um das Pferd zu wenden, den Zügelkontakt auch aufrecht hielt, wenn das Pferd bereits begann die Wendung auszuführen. “Wenn du weiter am Zügel ziehst, während dein Pferd schon wendet, wird es anhalten”. Lass los, wenn du die richtige Antwort bekommst, oder du wirst sein Vertrauen verlieren.
Er fragte eine andere Reiterin, wie oft sie das Pferd mit den Schenkel klopfte um es durch das Tor zu reiten. “Drei mal” sagte sie. “Sieben mal” antwortete Mark. “Dein Pferd zeigte dir schon viel früher, dass es verstanden hat, aber deine Schenkel waren so beschäftigt, dass du es gar nicht bemerkt hast.” – Vertrauensbruch!
Marks Vorstellung davon, den Druck nur solange aufrecht zu erhalten, bis das Pferd eine Bewegung zeigt, und dann sofort loszulassen war mir fremd. Ich hatte gelernt, dass mit den Schenkeln zu drücken ein Pferd stumpf macht und ein leichtes Klopfen effektiver sei. Nicht so nach Marks Ansicht “Mit dem klopf, klopf belohnst du es jedesmal, wenn du dein Bein wegnimmst und belohnst es so dafür, etwas falsches zu tun. Es lernt durch das Aufhören”.

Wenn du dich irrst, irre dich so, dass du deinem Pferd damit hilfst

Was macht man gegen das Scheuen? Die herkömmliche Anschauung vieler von uns lautet dahingehend, das Pferd zu veranlassen, sich den Gegenstand vor dem es sich fürchtet anzusehen. Mark ist anderer Ansicht.
“Vor zehn Jahren hätte ich die Sache durchgekämpft und das Pferd zum Weitergehen gezwungen”, erklärte Mark dem Besitzer einer ziemlich aufgeregten, hektischen Stute. “Nun würde ich eher absteigen und sie an der Gefahr vorbeiführen. Überleg mal: “Sie schreit dich förmlich an, dass sie tatsächlich in Schwierigkeiten ist, und du möchtest sie wirklich in noch größere Schwierigkeiten bringen?”.
Manchmal ist es am Besten, die Dinge einfach laufen zu lassen. Wenn du keine große Sache draus machst, wird dein Pferd eher herausfinden, dass es eben keine große Sache ist. Es ist garantiert nicht immer notwendig abzusteigen und das Pferd an bedrohlichen Dingen vorbeizuführen, aber wie Mark sagt: “Wenn du dich irrst, dann wenigstens so, dass du deinem Pferd damit aus Schwierigkeiten heraushilfst”.

Betrachte das Pferd als Ganzes

Bei jedem Pferd, das gebracht wurde, achtete Mark auf augenfälliges Verhalten und stellte Fragen, um einen gesamten Überblick über das Pferd zu bekommen. Es waren Fragen nach der Haltung, dem Futter, Verhaltensauffälligkeiten, medizinischer Vorgeschichte und früheren Erfahrungen. Die Fragen dienten alle der Lösung von Problemen und gaben oftmals Aufschluss über die Ursache der verschiedensten Verhaltensstörungen. Bei der Betrachtung des gesamten Bildes bleibt natürlich immer auch die Angst davor, Ursachen zu finden, die wir gar nicht so gerne realisieren wollen, wie zum Beispiel “du bist die Ursache an diesem Zustand”, oder “suche doch nach einer anderen Aufgabe für dieses Pferd, für die es physisch besser geeignet ist”.
“Such nicht nach der Lösung, such nach der Ursache”, sagt Mark. “Sobald du die Ursache gefunden hast, hast du auch die Lösung”.

Es geht nicht darum Kämpfe auszufechten; es geht darum, Wege zu finden um weiterzukommen

“Die Leute korrigieren ständig an ihren Pferden herum, so als ob ihnen das geradezu Spaß machen würde” bedauert Mark. “Von euch wird nicht erwartet, dass ihr es gerne korrigiert”.
Er legt Wert darauf, Wege zu finden, die dem Pferd helfen, sich richtig zu verhalten, anstatt es in Fehlverhalten hineinzumanövrieren nur um es hinterher wieder zu korrigieren. “Es möchte ganz einfach zurechtkommen und wir können ihm dabei helfen, einen Weg zu finden, wie wir gemeinsam zurechtkommen”.
“Du willst doch nicht mit ihm kämpfen?” fragte Mark einen Reiter, dessen Pferd sich beim Anhalten aus dem Schritt gegen das Gebiss lehnte. Was Mark als Kampf des Menschen mit dem Pferd bezeichnet, ist das, was viele/die meisten von uns als Auflehnen des Pferdes gegen den Menschen bezeichnen. Ein bemerkenswerter Unterschied, oder?
“Je sanfter du wirst umso weniger Widerstand kommt vom Pferd” erklärte er einem Reiter. “Die Argumente des Pferdes verschwinden von selbst, weil wir nicht mit ihm diskutiert haben”.
Es schien so, als ob je weniger die Reiter machten umso mehr die Pferde bereit waren sich mehr zu bemühen. Das Pferd drückt sich nicht davor, mit dem Menschen zu arbeiten, es sieht sich bloß um eine Möglichkeit um, wie es am besten mit ihm zurechtkommt.

Es ist ein Unterschied auf dem Pferd oder mit dem Pferd zu reiten

Fassen wir die vorangegangenen Themen zusammen: Timing, Loslassen, Aufmerksamkeit, Einstellung, gegenseitiger Respekt, Hilfe für das Pferd, und du wirst beginnen, mit dem Pferd, statt auf dem Pferd zu reiten, wie Mark es bezeichnet.
Es ist ein nicht greifbares Konzept, aber es gibt sichtbare Anzeichen, die für die Richtigkeit seiner Ideen sprechen. Es bedeutet zum Beispiel, den Wechsel in eine niedrigere Gangart vorauszuahnen und schon den ersten Schritt der neuen Gangart auch wirklich in dieser zu reiten, und nicht erst den Übergang zu reiten und erst danach die Körperposition und den Rhythmus an die neue Gangart anzupassen.
Es bedeutet, eine genaue Vorstellung davon zu haben, welche Reaktion du haben möchtest und das Pferd absolut zielsicher zu dieser Vorstellung hinzuführen und ihm dafür zu danken, wenn es die Aufgabe geschafft hat. Es bedeutet, die größtmögliche Feinheit jeder Hilfestellung anzustreben, vom Boden und vom Sattel aus. Es bedeutet, die winzigste Botschaft zwischen Pferd und Mensch zu erkennen und an einem Punkt zu reagieren, an dem man noch sehr ruhig bleiben kann, und nicht zu warten, bis aus der kleinen Botschaft eine gröbere Diskussion entsteht.
Es bedeutet, so gut wie möglich über den Sitz zu kommunizieren und mit den Zügelhilfen nur dann, wenn es unbedingt notwendig ist.
Es bedeutet, eine mentale Verbindung zum Pferd aufzunehmen, und darauf zu achten wo es mit seinen Gedanken ist, und darauf zu reagieren, anstatt sich auf die technischen Hilfsmittel zu verlassen. Das Ziel ist eine gegenseitig respektvolle Beziehung, in der das Pferd dazu ermutigt wird, sich auf die gegenseitige Kommunikation mit dem Menschen einzulassen.