Respekt beruht auf Gegenseitigkeit

Respekt beruht auf Gegenseitigkeit

Viele von uns sind durch den Begriff “Respekt” verunsichert. Es wird uns immer wieder erzählt, dass viele unterschiedliche Verhaltensweisen unserer Pferde darauf zurückzuführen sind, dass wir irgendetwas falsch machen, und nicht den Respekt unserer Pferde haben. Und als Antwort auf diesen “Mangel an Respekt” werden uns oft Dinge empfohlen wie, lass das Pferd seine Beine bewegen, indem du es rasch rückwärtsrichtest oder es auf einen winzig kleinen Zirkel schickst oder andere Manöver dieser Art.
Erst wenn wir verstanden haben, dass wir in der Art und Weise wie wir mit unseren Pferden täglich umgehen zuverlässig und vertrauenswürdig sein müssen, können wir über weitere Schritte reden. Viele Leute lassen sich aus der Fassung bringen und dann geraten sie möglicherweise in Schwierigkeiten. Wir möchten gerne zu diesem Thema eine etwas andere Betrachtungsweise vermitteln und einige Anregungen dazu geben, was man tun könnte, wenn verschiedene Verhaltensweisen ausarten – bei uns, oder bei unseren Pferden.

Ist es wichtig, den Respekt unserer Pferde zu haben?

Ja, aber bevor wir ihren Respekt bekommen, müssen wir ihr Vertrauen haben. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Wir können ihn nicht bekommen, ohne uns dem Pferd gegenüber auch respektvoll zu verhalten.

Was sollten wir tun um diesen Respekt zu bekommen?

Indem wir uns zuerst um das Vertrauen des Pferdes bemühen und indem wir ihm nicht ständig unterstellen, dass es respektlos ist. Viele Dinge, die Pferde tun, tun sie nicht zwangsläufig aus Respektlosigkeit. Wenn z.B. im Round Pen, das Pferd im Vorbeilaufen in unsere Richtung kickt – ist das Disrespekt? Nicht unbedingt. Oftmals erscheinen Dinge respektlos, die tatsächlich aus Angst oder Selbstverteidigung passieren. Wenn es aus einer Entfernung von 10m nach uns kickt, wie groß ist die Chance, dass es uns tatsächlich auch trifft? Man muss immer die ganze Situation betrachten. Sogar, wenn ein Pferd uns aus größerer Entfernung attackiert oder rückwärts auf uns zukommt, geschieht dies meist aus Angst oder Selbstschutz, die wir möglicherweise selbst provoziert haben, oder aus Erinnerung an vergangene furchterregende Situationen. Indem wir nicht immer von vornherein annehmen, dass etwas aus Respektlosigkeit geschieht, sondern möglicherweise aus Nichtverstehen, Verwirrung oder Angst, finden wir oft neue Wege damit umzugehen.

Soll der Druck, den wir auf unsere Pferde ausüben überhaupt jemals gesteigert werden?

Kann sein,  aber wir sollten jede Situation so nehmen, wie sie eben kommt. Wenn unser Pferd beginnt ein Verhalten an den Tag zu legen, das nicht akzeptabel ist, dann müssen wir darauf mit geringsten Mitteln reagieren und ihm klar machen, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung ist. Dann müssen wir eben tun, was notwendig ist. Das kann, zum Beispiel mit einem zischenden Geräusch beginnen, dann möglicherweise Druck steigern,  indem man einen Schritt auf das Pferd zugeht. Vielleicht wäre der nächste Schritt ein Heben der Arme. Wodurch Leute oft in Schwierigkeiten kommen ist, dass sie zu Beginn gleich heftiger reagieren, als es notwendig wäre und sie dadurch die kleinen Versuche des Pferdes übersehen und den entscheidenden Punkt überschreiten. Wir sollten mit der sanftesten Hilfe beginnen und nur falls erforderlich die Intensität steigern.

Die drei wichtigsten Dinge, um mit solchen Situationen fertig zu werden?

1. das Wichtigste ist, die Aufmerksamkeit des Pferdes zu behalten. Bevor wir irgend etwas anderes tun können, müssen wir seine Aufmerksamkeit haben. Haben wir sie erst einmal bekommen, braucht es nicht viel um sie auch zu behalten. Oftmals wenden wir verschiedene Techniken an ohne wirklich die volle Aufmerksamkeit unseres Pferdes zu haben und sie sind gedanklich einfach mit anderen Dingen beschäftigt, und dann sind wir gezwungen, den Druck zu erhöhen um uns wieder bemerkbar zu machen. Hätten wir gleich mit mehr Aufmerksamkeit des Pferdes begonnen oder besser darauf geachtet, sie auch zu behalten, hätten wir den Druck nicht erhöhen müssen.
2. Wenn sich das Pferd weiter unerwünscht verhält, obwohl wir seine Aufmerksamkeit haben, hat es vielleicht nicht verstanden, was wir von ihm eigentlich wollten und das heißt zwangsläufig nicht, dass es nicht versucht hätte, das Richtige zu tun. Dann könnten wir den Druck etwas erhöhen um die richtige Antwort zu bekommen, aber wirklich nur um ein klein wenig. Wenn wir den Druck sofort massiv erhöhen und über den Punkt hinausgehen an dem das Pferd noch reagieren könnte, übertreiben wir und es könnte so weit kommen, dass sich das Pferd tatsächlich aufregt. Sobald das Pferd aufgebracht ist, beginnt meist der Kampf.
3. Wenn wir den Druck zu sehr erhöht haben und über den Punkt hinausgegangen sind, wo es für das Pferd noch erträglich ist, sollten wir unsere Emotionen unter Kontrolle bringen und einen Schritt zurückgehen, anhalten und uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wenn Dinge wirklich schlecht laufen, könnten wir auch den Round Pen, oder wo wir gerade mit dem Pferd arbeiten, verlassen um wieder zur Ruhe zu kommen, bevor wir einen neuen Versuch starten. Wenn beim Reiten ein Problem auftaucht, und die Situation so eskaliert, dass wir in einen “Kampf” mit dem Pferd geraten, sollten wir aufhören und zum Schritt zurückgehen. Eventuell ist es auch besser abzusteigen und uns und dem Pferd etwas Zeit zu geben darüber nachzudenken. Kann sein, dass wir sogar für diesen Tag das Training beenden. Wir müssen tun, was zu tun ist, um die Situation in den Griff zu bekommen. Es ist immer sinnvoller abzusteigen, anstatt eine Situation außer Kontrolle geraten zu lassen. Die Erfahrung zeigt, dass das Pferd bereit sein könnte, sein unerwünschtes Verhalten noch zu verstärken, wenn wir den Druck auf das Tier eskalieren lassen. Nachdem man abgestiegen ist, ist es für beide leichter die gleiche Übung nochmals mit einem besseren Start zu beginnen.

Welche Ausrüstung könnte üblicherweise in solchen Situationen erfolgreich sein?
Das beste Mittel ist das, was man braucht. Die Ausrüstung, die gerade zur Verfügung steht ist richtig und damit kann man weitermachen. Die meisten Leute sind so auf Ausrüstung fixiert, dass sie jeden Blick für die betreffende Situation verlieren. Ausrüstung und Technik überzubewerten schafft neue Probleme, weil dies die Leute daran hindert den nächsten Schritt selbständig und logisch so zu setzen, wie es die jeweilige Situation eben erfordert. Die Leute sollten wissen, dass es in Ordnung ist kreativ zu sein, wenn es der Lösung von Problemen hilft, oder deren Entstehung überhaupt gleich zu verhindern. Anstatt sich auf irgend etwas festzufahren, sollten wir die Situation als ganzes betrachten und überlege, was beiden helfen kann, die erwünschte Reaktion zu bekommen.
Die unzählig vielfältigen Möglichkeiten von Ausrüstungsgegenständen oder Anwendungstechniken, werden nur durch deinen eigenen Mangel an Vorstellungskraft und Phantasie eingeschränkt.