Passive Führungsqualität

Betrachtungen der Alpha Theorie

Ich bin überzeugt, dass Pferde uns nicht als ihresgleichen, als Mitglieder ihrer Herde betrachten und auch niemals als solche betrachten werden. Ich denke, dass Pferde alles daransetzen, sich in “unserer” Herde zurechtzufinden. Sie sind unglaublich scharfsinnig und können sich rasch ihrer Umwelt anpassen um von einem Tag zum nächsten zu überleben.

Pferde sehen hunderte, möglicherweise tausende Menschen während ihres Lebens. Sicherlich wissen sie, es gibt unzählige von uns. Ein Pferd, das von hunderten von Raubtieren umgeben ist, hat zwei Möglichkeiten: entweder zu sterben oder einen Weg zu finden, sich mit diesen Raubtieren zu arrangieren, damit es nicht gefressen wird. Ich vermute, die Spezies Pferd hat zweitere Wahl getroffen und sucht permanent eine Möglichkeit um zu verstehen wer wir sind und was wir wollen, damit sie sich in unserer Herde zurechtfinden können. Fast wie wir Menschen, wenn wir in ein uns unbekanntes Land mit fremden Sitten und Bräuchen reisen.

Außerdem sollte man wissen, dass sich die meisten “Säugetiere” (uns Menschen eingeschlossen) ziemlich ähnlich verhalten. An der Spitze der Herde steht das “Alpha”, das stärkste Herdenmitglied, dann gehts Stufe für Stufe in der Rangordnung hinunter. Irgendwo in der Mitte der Herdenstruktur befinden sich die sogenannten “passiven Leader”. Dies sind Herdenmitglieder (gleichgültig, ob Menschen, Pferde, Büffel, Rehe, etc.) die ganz einfach versuchen, mit jedem Mitglied der Herde gut auszukommen. Sie sind nicht notwendigerweise daran interessiert, in der Rangordnung aufzusteigen um der “Alpha-Leader” zu werden, denn sie sind mit ihrer Position innerhalb ihrer Herde zufrieden. Diese passiven Leader verhalten sich üblicherweise konstant ruhig und beständig bei ihren täglichen Aktivitäten, und als Folge davon, gewinnen sie das Vertrauen der anderen Herdenmitglieder.

Da Pferde von Natur aus passive und friedliche Geschöpfe sind, versuchen sie natürlich, mehr Zeit mit jenen Individuen der Herde zu verbringen, die ihnen den wenigsten Druck oder Stress verursachen. Der Grund dafür, dass diese passiven Leaders den wenigsten Stress verursachen liegt darin, dass sie in ihren Aktionen zuverlässig sind. Sie wenden selten bis niemals zu viel Druck an um ihren Status zu sichern, sondern scheinen durch ihr Vorbild zu beeindrucken. Wo immer sie auch hingehen, der Rest der Herde folgt ihnen willig Schritt für Schritt.

Nun stellt sich also die Frage: wie können wir es schaffen, zu unseren Pferden eine solche Beziehung aufzubauen; Eine Beziehung, in der uns unsere Pferde folgen wollen und willig die Aufgaben erfüllen, die wir an sie stellen? Ich denke, die Antwort ist sehr einfach:
Zuerst müssen wir einen Weg finden, unsere Pferde davon zu überzeugen, dass sie sich auf uns verlassen und dass sie uns vertrauen können. Das ist üblicherweise für viele Leute ein Problem, denn sie scheinen die Idee zu haben, dass Pferde unterdrückt werden müssen um ihre Aufgaben zu erfüllen. Das kommt daher, dass das Alpha der Herde Dominanz ausübt um seine Ziele zu erreichen und viele Leute glauben, dass wir das Verhalten dieser Alphas übernehmen müssen um Pferde zu trainieren. Wie auch immer, wenn wir die Pferde innerhalb der Herde beobachten, werden wir feststellen, dass die Herdenmitglieder zwar ihrem Alpha seinen Respekt erweisen, dass sie aber nicht sehr viel Zeit in seiner Gesellschaft verbringen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Herdenmitglieder ihrem Alpha nach Möglichkeit aus dem Weg geht. Wenn uns dies also bewußt ist, kann die beste Möglichkeit ein passiver “Leader” zu werden nur so sein, dass jede Gewalt unseren Pferden gegenüber vermieden wird. Wenn unser Pferd die Aufgaben, die wir ihm stellen nicht erfüllt, sollten wir ihm helfen, diese Aufgabe zu meistern, anstatt es dazu zu zwingen. Wir müssen ihm die Zeit geben, darüber nachzudenken was wir von ihm erwarten, ihm Zeit lassen nach der richtigen Lösung zu suchen und sie herauszufinden. Meist wird es versuchen, das richtige zu tun, wenn ihm genügend Zeit gelassen wird darüber nachzudenken.

Zweitens müssen wir die volle Verantwortung für unsere Pferde übernehmen. Ich meine damit nicht nur, dass wir uns darum kümmern dass die Tränken funktionieren oder dass ihr Futter in Ordnung ist oder dass sie regelmäßig geimpft werden, obwohl dies alles natürlich genauso wichtig ist, aber sie vor allem in jeder Situation so zu behandeln, wie es für sie am besten ist. Wir sollten niemandem gestatten, mit ihnen zu arbeiten, oder sie zu reiten, von dem wir wissen (oder das Gefühl haben), dass er gefühllos und grob mit ihnen umgeht. Wann immer jemand mit unserem Pferd auf eine Art und Weise arbeitet, die uns ein unangenehmes Gefühl beschert, müssen wir ihn daran hindern. Mit einem Wort, wir sollten keine Angst davor haben für unsere Pferde einzustehen!

Diese beiden Dinge, die so einfach klingen, scheinen oftmals das Schwierigste zu sein, was wir für unsere Pferde tun können. Es liegt nicht selbstverständlich in unserer Natur, sanft und beständig zu sein. Unsere Art entspricht eher der Einstellung, sofort und gleich und mit Druck erreichen zu wollen, wonach wir streben. Pferde andererseits, sehen die Dinge nicht auf diese Weise. Wenn unsere Pferde, so gut wie sie es eben können, versuchen sich in unserer Herde zurechtzufinden, ist es doch das geringste was wir für sie tun können, zu versuchen, ihnen dabei zu helfen. Wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben, werden sie es auch schaffen.