Mark Rashid zum Zweiten – diesmal in Schottland – Mai 2002

“Considering The Horse”

Nachdem wir Mark Rashids Methode mit Pferden zu kommunizieren voriges Jahr in Rogersville/ Tennesse kennen und schätzen gelernt hatten, war es für Daniela Donth, vom Pferdesportfachgeschäft Horse Point in Wien, und mich keine Frage, dass wir uns die Gelegenheit Mark bei einem Kurs in Europa wiederzusehen, nicht entgehen lassen konnten.Mark Rashid Glücklicherweise hatte Trisha Wren aus Haddington/Schottland, die Mark jährlich bei vielen seiner Clinics begleitet und unterstützt, geschafft, ihn heuer nach Schottland einzufliegen. Wie wir hörten, war dieses Unternehmen nicht ganz einfach, da Mark die Fliegerei gar nicht schätzt. Somit hatte es Trisha einige Überredungskünste gekostet, ihn für zwei Kurse nach Schottland zu holen.

hms0201Für Daniela und mich war dies natürlich von großem Vorteil – und so nebenbei machten wir nach dem Kurs auch gleich ein paar Tage Urlaub in Schottland (Übrigens, wer wunderschöne Gärten, Burgen und Schlösser mag, sollte sich Schottland unbedingt einmal ansehen!).

Wie schon im Jahr zuvor waren wir von Marks Umgang mit den Pferden und seiner persönlichen Art zu unterrichten begeistert. Immer wieder achtet er darauf, dass keine körperlichen Mängel oder unpassende Ausrüstung die Ursache dafür sind, wenn Probleme mit den Pferden auftauchen. Seine Aussage “das Training des Pferdes, kann nur dann erfolgreich sein, wenn alle anderen Umstände passen” sollte man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Sicherlich werden von den Pferden sehr oft Übungen verlangt, zu denen sie teils aus körperlichen Mängeln oder auch aus psychischen Gründen gar nicht in der Lage sind.
Mark hat ständig das Gesamtbild des Pferdes bis ins kleinste Detail im Auge und macht seine Schüler stets darauf aufmerksam, genau und konzentriert zu schauen und zu beobachten. Augenausdruck und Ohrenspiel, Maul und Schweif werden genau so beachtet, wie jedes einzelne Bein oder Verspannungen im gesamten Pferdekörper. Nur durch die Betrachtung des Pferdes in jedem Detail können wir lernen seinen psychischen Zustand besser einzuschätzen und aufgrund seiner Körpersprache zu beurteilen, was eigentlich in ihm vorgeht. Marks Spezialität ist nach wie vor, jede Situation aus der Sicht des Pferdes zu betrachten.
hms0202Bei Marks Kursen wird mit jedem Teilnehmer einzeln ca. 1-2 Stunden lang pro Tag gearbeitet. Somit hat jeder die Möglichkeit exakt die Dinge zu trainieren, die ihm wichtig sind. Die Teilnehmer waren aus den unterschiedlichsten Gründen gekommen. Eine Stute war gebracht worden, weil sie ihre Besitzerin komplett ignoriert, beisst, schlägt und sich auf der Weide nicht einfangen lässt. Nach kurzem Training auf dem eingezäunten Reitplatz am ersten Tag, wurde das Pferd auf die große Weide entlassen und ab dem zweiten Tag wurde bereits auf der großen Weide geübt und die Besitzerin war bald in der Lage ihr Pferd allein von der Weide zu holen, wobei ihr das Pferd auch ohne Führstrick willig folgte (Monty Roberts “Join Up” – ohne Roundpen?). Auch von beißen und schlagen konnte keine Rede mehr sein.
Andere Pferde hatten zum Beispiel Probleme mit der Schermaschine oder mit dem Verladen, (wobei die Probleme ja immer eher bei den Pferdebesitzern zu suchen sind). Bei der Lösung dieser Schwierigkeiten konnten ebenso rasch Fortschritte beobachtet werden, wobei man immer wieder beeindruckt war, wie einfach und logisch aufgebaut die Übungen eigentlich waren, sodass sich mancher Pferdebesitzer wohl fragte, warum er nicht von selbst darauf gekommen sei.

hms0203Besonders erwähnenswert waren die Trainingseinheiten mit einer 8-jährigen Pferdebesitzerin und ihrem zweijährigen Pony-Wallach. Innerhalb von 2 Übungseinheiten schaffte Mark es, dem Mädchen auf einfühlsame und verständliche Weise korrektes Führen, Anhalten, Zirkeln und Fahren vom Boden aus mit ihrem Pony beizubringen.

Natürlich wurden nicht nur Schwierigkeiten vom Boden aus ausgemärzt, sondern auch verschiedene reiterliche Probleme behoben. Ob es nun um das Basis- und Aufbautraining eines bereits älteren Pferdes nach längerer Krankheit (in diesem Falle hatte es sich um einen Beckenbruch gehandelt), um Schwierigkeiten mit der Gangart, Richtungs- oder Tempokontrolle oder Versammlung ging, und zwar sowohl in der klassischen, wie in der Westernreitweise, es wurde immer ganz genau an dem Bereich trainiert, den es zu verbessern galt. Es war hochinteressant zuzusehen, wie jeder einzelne enorme Fortschritte machte und jede Menge Tipps und Anregungen für das weitere Training zu Hause mitnehmen konnte. Auch die Zuseher wurden ständig miteinbezogen und aufgefordert Fragen zu stellen und bei verschiedenen Übungen mitzumachen. Unter anderem ging es darum, das richtige Gefühl und Timing der Zügelführung für die Versammlung zu entwickeln und rechtzeitiges Loslassen erfühlen zu lernen.

Für mich war besonders erstaunlich, wie konsequent und gelassen alle Teilnehmer bereit waren dieses “Step-by-step” wirklich mitzumachen und sich auf einige wenige aber wesentliche Dinge zu konzentrieren. (Beim Abhalten von Trainingsstunden oder –kursen in unseren Breiten habe ich oftmals den Eindruck, dass die Schüler alles so schnell wie möglich lernen möchten und in jede Trainingseinheit möglichst viele Übungen hineinpacken wollen, auch wenn diese dann natürlich nicht so exakt ausgeführt werden können, wie wenn sie sich für jede einzelne Übung und oftmaliges Wiederholen der verschiedenen Bewegungsabläufe mehr Zeit nehmen würden).

Jedenfalls war es wieder einmal eine großartige Gelegenheit, solides, vernünftiges und effektives Pferde- (Menschen-) training zu sehen. Hoffentlich kommt Mark ja bald wieder einmal nach Europa, dann sind wir beiden sicherlich wieder dabei. Außerdem reift langsam aber sicher in uns die Idee Mark Rashid vielleicht sogar einmal zu uns nach Österreich zu holen. Zu guter letzt möchte ich Euch noch einmal Mark Rashids Bücher in Erinnerung rufen, die wirklich alle drei äußerst interessant und amüsant zu lesen sind, wobei ich seinen humorigen Stil in den englischen Originalfassungen eindeutig bevorzuge.
“Der auf die Pferde hört” (“Considering the Horse”), “A Good Horse is never a bad Colour” und “Denn Pferde lügen nicht” (“Horses never lie”).

Also dann – viel Spaß beim Lesen und bis zum nächsten “Considering-Bericht”